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Die drei Wünsche

Art: Märchen
AutorIn: unbekannt
Land: England
Sprecher: Tom Keymer

ähnliches Märchen: Der Arme und der Reiche

Am Rande eines grossen, tiefen Waldes lebte einmal eine arme Holzfäller-Familie. Manchmal wünschte sie sich, dass es ihr besser ginge. »Ach, könnte ich nur in einer prachtvollen Kutsche fahren«, seufzte der Holzfäller.

»Ach, hätte ich doch nur ein hübsches Seidenkleid«, klagte die Frau. »Ach, wenn wir nur eine schöne Porzellan-Puppe und einen goldenen Ball hätten«, jammerten die Kinder. Aber alles Wünschen war vergebens.

Eines schönen Morgens zog der Holzfäller, wie jeden Tag, in den Wald, um Bäume zu fällen. Nahe einer Lichtung entdeckte er eine dicke, alte Eiche, die ihm wohl manch gutes Brett liefern würde. Kaum aber hatte er mit der Axt weit ausgeholt, hörte er eine zarte, traurige Stimme.

»Oh, schlage mich bitte nicht!« sagte die Stimme, und aus dem Baum kam eine kleine Fee herausgeflattert. »Dieser Baum ist mein Heim, und ohne seinen Schutz müsste ich sicher sterben. Wenn du ihn verschonst, seien dir und den deinen drei Wünsche gewährt.« Kaum hatte sie das gesagt, war sie auch schon wieder verschwunden.

Der Holzfäller rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf. Er schaute die dicke Eiche gründlich an und beschloss, den Baum stehen zu lassen. Dann machte er sich auf den Heimweg.

Viele Male blieb er stehen, um über sein Erlebnis nachzudenken, und sein Kopf füllte sich mit Plänen von Reichtum und Ruhm. Meiner Frau aber werde ich nichts sagen, dachte er, die drei Wünsche behalte ich für mich. Er bemerkte nicht, wie die Zeit vergangen war und der Tag zur Neige ging.

Als er zu Hause ankam, war die Abendsuppe noch nicht fertig. »Ein Stündchen musst du noch warten«, sagte die Frau, »ich hatte heute sehr viel zu tun.« »Ach«, sagte er, »ich habe einen Bärenhunger. Ich wünschte, ich hätte eine schöne Blutwurst vor mir ...« Kaum hatte er das gesagt, purzelte aus dem Kamin die schönste, rundeste, prallste, würzigste Blutwurst, die man sich überhaupt nur vorstellen kann.

Der Holzfäller war nur ein wenig überrascht. Seine Familie aber war sprachlos vor Erstaunen. Jetzt musste der Holzfäller doch sein Geheimnis verraten. »Du Dummkopf«, schimpfte seine Frau, »du hättest für mich ein hübsches Seidenkleid wünschen können!« »Ach, du Elend«, quengelten die Kinder,  »denk an all das schöne Spielzeug, das du uns hättest wünschen können!«
Der Dackel aber dachte: »Eine Blutwurst ist genau das Richtige! WU!«

»Ich wünschte, du hättest die Wurst an der Nase«, sagte seine Frau schliesslich, »und es würde dir recht geschehen.« Und schwuppdiwupp —  sprang die Wurst dem Holzfäller an die Nase. Der Holzfäller wusste nicht, wie ihm geschah.  »Hilfe, Hilfe«, schrie er entsetzt.  Er zog heftig an der Blutwurst, aber sie ging nicht ab. Seine Frau und seine Kinder standen da und staunten.

»Sie ist wie angewachsen«, klagte er. »Lasst mich mal«, sagte seine Frau und zerrte mit aller Kraft an der Wurst. Aber die Wurst sass fest. »Helft mir mal«, sagte sie zu den Kindern. Sie zogen alle drei, sie zogen und zogen, doch die Blutwurst wollte nicht abgehen. Die Nase des Holzfällers schien immer länger und röter zu werden. »Hört auf, ihr tut mir weh«, stöhnte er nur.
Traurig dachte die Familie an den letzten Wunsch.

»Hättest du eine Frau im hübschen Seidenkleid, würde niemand deine Blutwurst-Nase bemerken«, sagte seine Frau. »Wenn wir alle mit schönem Spielzeug spielten, müssten wir nicht an die Blutwurst-Nase denken«, sagten die Kinder. »Ach«, seufzte der Holzfäller, »selbst wenn ich in einer prachtvollen Kutsche fahren könnte, so wäre mir die Blutwurst-Nase doch sehr peinlich.« Und er wünschte sich die Wurst von der Nase.

Gewünscht, getan — genauso schnell, wie die Wurst an die Nase des Holzfällers gesprungen war, sprang sie nun wieder ab.

Der Tochter war gerade eingefallen, dass man sich doch einfach drei weitere Wünsche wünschen könnte. Aber bevor sie das aussprechen konnte, war es schon zu spät.
»Na ja«, sagte der Holzfäller, »wenigstens haben wir jetzt zum Abendessen die schönste, rundeste, prallste, würzigste Blutwurst, die man sich überhaupt nur vorstellen kann.«

Und so gab es zur Suppe die wunderbare Blutwurst. Es schmeckte ihnen vorzüglich, und sie sprachen über ihre Pläne, falls sie noch mal solch ein Glück haben sollten.

So hörten sie nicht das leise Lachen der Fee, die an ihrem Fenster vorbeiflatterte.



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