Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

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Die hagere Liese

Art: Märchen
AutorIn: Brüder Grimm
Land: Deutschland
Sprecher: Tom Keymer

Ganz anders als der faule Heinz und die dicke Trine, die sich von nichts aus ihrer Ruhe bringen liessen, war die hagere Liese. Sie rackerte sich ab von Morgen bis Abend. Sie lud ihrem Mann, dem langen Lenz, so viel Arbeit auf, dass er schwerer zu tragen hatte als ein Esel an drei Säcken. Es war aber alles umsonst, sie hatten nichts und kamen zu nichts.

Eines Abends, als sie im Bette lag und vor Müdigkeit kaum ein Glied regen konnte, liessen sie die Gedanken doch nicht einschlafen. Sie stiess ihren Mann mit dem Ellenbogen in die Seite und sprach: »Hörst du, Lenz, was ich gedacht habe? Wenn ich einen Gulden fände, und einer mir geschenkt würde, so wollte ich noch einen dazu borgen, und du solltest mir auch noch einen geben. Sobald ich dann die vier Gulden beisammen hätte, so würde ich eine junge Kuh kaufen.«

Dem Mann gefiel das recht gut. »Ich weiss zwar nicht,« sprach er, »woher ich den Gulden nehmen soll, den du von mir haben willst. Aber wenn du dennoch das Geld zusammenbringst, und du kannst dafür eine Kuh kaufen, so ist es richtig, wenn du dein Vorhaben ausführst. Ich freue mich,« fügte er hinzu, »wenn die Kuh dann ein Kälbchen bringt, dann werde ich doch manchmal zu meiner Erquickung einen Trunk Milch erhalten.« 

»Die Milch ist nicht für dich,« sagte die Frau, »wir lassen das Kalb saugen, damit es gross und fett wird, und wir es verkaufen können.« »Freilich,« antwortete der Mann, »aber ein wenig Milch nehmen wir doch, das schadet nichts.« »Wer hat dich gelehrt, mit Kühen umzugehen?« sprach die Frau, »es mag schaden oder nicht, ich will es nicht haben! Und wenn du dich auf den Kopf stellst, du kriegst keinen Tropfen Milch.«

»Frau,« sagte der Mann, »sei still, oder ich hänge dir einen Maulkorb um.« »Was,« rief sie, »du willst mir drohen, du Nimmersatt, du Strick, du fauler Heinz!«

Sie wollte ihm in die Haare fallen, aber der lange Lenz richtete sich auf und packte mit der einen Hand die dünnen Arme der hageren Liese. Dann liess er sie so lange schimpfen, bis sie vor grosser Müdigkeit eingeschlafen war.

Ob sie am andern Morgen beim Erwachen fortfuhr zu zanken, oder ob sie ausging, den Gulden zu suchen, den sie finden wollte, das weiss ich nicht.



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