Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

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Doktor Allwissend

Art: Märchen
AutorIn: Brüder Grimm
Land: Deutschland
Sprecher: Tom Keymer

Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs. Er fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor. Als ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, sass der Doktor gerade bei Tisch. Da sah der Bauer, wie er schön ass und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch ein Doktor werden könne.

»O ja,« sagte der Doktor, »das ist bald geschehen.« »Was muss ich tun?«, fragte der Bauer. Zuerst musst du dir ein ABC-Buch kaufen, so eins, wo vorn ein Gockelhahn drauf ist. Zweitens: verkaufe deinen Wagen und deine zwei Ochsen und schaff dir damit Kleider an, und was sonst zur Doktorei gehört. Drittens: lass dir ein Schild malen mit den Worten ’Ich bin der Doktor Allwissend’. Dann lass das Schild oben über deine Haustür nageln.«

Der Bauer tat das alles. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, wurde einem reichen Herrn Geld gestohlen. Da wurde ihm vom Doktor Allwissend erzählt, der in dem und dem Dorfe wohne und auch wissen müsste, wo das Geld hingekommen wäre. Also liess der Herr seinen Wagen anspannen. Er fuhr hinaus ins Dorf und fragte ihn, ob er der Doktor Allwissend wäre? »Ja, der bin ich.« »So komm mit mir und beschaffe mir das gestohlene Geld wieder!«

»O ja, aber die Grethe, meine Frau, müsste auch mit.« Der Herr war einverstanden und liess sie beide in den Wagen sitzen. Sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt. Da sollte er zuerst mitessen. »Ja, aber meine Frau, die Grethe, auch«, sagte er und setzte sich mit ihr an den Tisch.

Wie nun der erste Diener mit einer Schüssel schönem Essen kam, stiess der Bauer seine Frau an und sagte: »Grethe, das war der erste.« Er meinte damit, es wäre derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Diener aber meinte, er hätte damit sagen wollen: »Das ist der erste Dieb.« Und weil er es ja wirklich war, wurde ihm Angst. Er sagte draussen zu seinen Kameraden: »Der Doktor weiss alles, wir sind verloren! Er hat gesagt, ich wäre der erste.«

Der Zweite wollte gar nicht hinein, er musste aber doch. Wie er nun mit seiner Schüssel hereinkam, stiess der Bauer seine Frau an: »Grethe, das ist der Zweite.« Dem Diener bekam ebenfalls Angst, und er machte, dass er schnell hinauskam. Dem Dritten ging’s nicht besser. Der Bauer sagte wieder: »Grethe, das ist der Dritte.« Der Vierte musste eine verdeckte Schüssel hereintragen. Der Herr sprach zum Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge. Es waren aber Krebse.

Der Bauer sah die Schüssel an, wusste nicht wie er sich helfen sollte und sprach: »Ach, ich armer Krebs!« Wie der Herr das hörte, rief er: »Da, er weiss es, nun weiss er auch, wer das Geld hat.«

Dem Diener aber wurde gewaltig Angst und er blinzelte den Doktor an, er möge einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle vier, sie hätten das Geld gestohlen. Sie wollten es ja gerne herausgeben und ihm eine grosse Summe Geld dazu, wenn er sie nicht verrate. Sie führten ihn auch zum Geldversteck.

Damit war der Doktor zufrieden und ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch, und sprach: »Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt. Der fünfte Diener aber kroch hinter den Ofen und wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüsste. Der sass da und schlug sein ABC-Buch auf. Er blätterte hin und her und suchte den Gockelhahn. Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er: »Du bist doch darin und musst auch heraus.« Da glaubte der, der hinter dem Ofen war, er wäre gemeint. Voller Schrecken sprang er heraus und rief: »Der Mann weiss alles!«

Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag. Er sagte aber nicht, wer’s gestohlen hatte. Und er bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung und wurde ein berühmter Mann.



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