Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

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Das tapfere Schneiderlein

Art: Märchen
AutorIn: Brüder Grimm
Land: Deutschland
Sprecher: Tom Keymer

An einem Sommermorgen sass ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Neben ihm lag ein Musbrot, das wollte es aber erst essen, wenn die Jacke in seiner Hand fertig genäht war.

Das Musbrot duftete gar herrlich, so dass seine Stiche vor Freude immer grösser wurden. Indes stieg der Geruch von dem süssen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in grosser Menge sassen, so dass sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederliessen. »Ei, wer hat euch eingeladen?« sprach das Schneiderlein und schlug zornig mit der Fliegenpatsche nach ihnen. Als es zählte, hatte es nicht weniger als sieben Fliegen auf einmal totgeschlagen.

»Bist du so ein Kerl«, sprach es zu sich, »so soll es die ganze Welt erfahren!« Das Schneiderlein nähte sich einen Gürtel und stickte mit grossen Buchstaben darauf: »7 auf einen Streich!« Es suchte im Hause, was es mitnehmen könnte, fand aber nur einen alten Käse. Den steckte es in eine Tasche seines Rockes, der Kanarienvogel kam in die andere. Dann machte es sich auf den Weg in die weite Welt.

Sein Weg führte es auf einen Berg, wo gemächlich ein Riese sass. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu und sprach: »Guten Tag, Kamerad. Hast du Lust, mit mir zu kommen?« Der Riese schnaufte verächtlich. Da knöpfte das Schneiderlein seinen Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel: »Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.« Der Riese meinte, es wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen.

Er nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. »Das mach mir nach«, sprach der Riese. »Ist’s weiter nichts?« sagte das Schneiderlein, griff in die Tasche, holte den weichen Käse und drückte ihn, dass der Saft herauslief.

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, nahm einen Stein auf und warf ihn hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte. »Gut geworfen!« lobte das Schneiderlein, nahm den Vogel aus der Tasche und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, flog fort und kam nicht wieder.

Da riss der Riese einen Baum aus und forderte das Schneiderlein auf, beim Tragen zu helfen. »Gut«, meinte dieses, »trag du die Wurzel, ich will die schwere Krone mit den Ästen tragen!« Das Schneiderlein setzte sich auf einen Ast und pfiff vergnügt, während der Riese, der sich nicht umdrehen konnte, die ganze Last schleppte.

»Du bist wirklich stark«, sagte der Riese, als er seine Last ablegte. Er bog die Krone eines Kirschbaumes herab und hiess das Schneiderlein essen. Natürlich konnte das Schneiderlein den Baum nicht halten und wurde in die Luft geschnellt. »Kannst du auch so hoch springen?« fragte es den Riesen, als es sicher gelandet war. Aber der Riese konnte es nicht.

Zufrieden ging das Schneiderlein seiner Wege und kam in die Stadt des Königs. Es legte sich in den Hofgarten und schlief ein. Die Höflinge waren verwundert über den Spruch auf seinem Gürtel und meldeten es dem König. Den Kriegsleuten des Königs aber war das Schneiderlein ein Dorn im Auge, da sie Angst hatten, durch einen so tapferen Mann die Gunst des Königs zu verlieren. Der König seinerseits aber wollte wegen eines einzigen Mannes nicht all seine Kriegsleute gehen sehen. So sann er nach, wie er das Schneiderlein auf gute Weise loswerden könne.

Endlich hatte er einen guten Einfall und liess das Schneiderlein zu sich kommen. »In meinem Wald wohnen zwei Riesen«, sagte er. »Wenn du mich von diesen befreien kannst, sollst du meine Tochter zur Frau haben!«

Das wäre etwas für einen Mann, wie du es bist, dachte das Schneiderlein. Ganz allein zog es in den Wald und traf die Riesen unter einem Baum schlafend an. Es kletterte mit ein paar grossen Steinen auf den Baum hinauf und liess erst dem einen, dann dem anderen einen Stein ins Gesicht fallen, bis die Riesen so wütend waren, dass sie sich gegenseitig erschlugen.

Der König erschrak, als das Schneiderlein unverletzt vor seinen Thron trat, den Tod der beiden Riesen meldete und die Prinzessin forderte. So stellte er ihm eine zweite Aufgabe. »Fang mir noch das wilde Einhorn, das in meinen Wäldern haust«, sagte er, »dann ist die Prinzessin dein.« — »Vor dem Einhorn fürchte ich mich noch weniger als vor den zwei Riesen«, sagte das Schneiderlein. Es nahm sich einen Strick und eine Axt mit und ging hinaus in den Wald.

Es brauchte nicht lange zu suchen. Das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wolle es ihn aufspiessen. »Sachte, sachte«, sprach das Schneiderlein, stellte sich vor einen Baum und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang es behände hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spiesste sein Horn so fest in den Stamm, dass es dieses nicht wieder herausziehen konnte. Das Schneiderlein legte ihm den Strick um den Hals, hackte das Horn kurz über der Stirn ab und führte das Tier vor den König.

Da stellte der König eine dritte Forderung. »Fang mir erst das Wildschwein, das meine Wälder verwüstet«, sagte er. »Danach soll die Hochzeit sein.« »Das ist ein Kinderspiel«, sagte das Schneiderlein und ging noch einmal in den Wald. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu.

Das Schneiderlein aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich hinten mit einem Satz zum Fenster wieder hinaus. Das Schwein lief hinter ihm drein, das Schneiderlein rannte um die Kapelle herum und schlug hinter dem Schwein die Tür zu. Nun war das wilde Tier gefangen, und der König musste dem Schneiderlein die Prinzessin zur Frau geben.

Da wurde die Hochzeit mit grosser Pracht und kleiner Freude gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht. Als die junge Königin erfuhr, dass ihr Gemahl nur ein armer Schneider gewesen war, wollte sie ihn nachts binden und fortschaffen lassen. Aber seine List war grösser als ihre, und so blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.



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