Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

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Dornröschen

Art: Märchen
AutorIn: Brüder Grimm
Land: Deutschland
Sprecher: Tom Keymer

Vor Zeiten lebten ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: »Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!« Aber der Wunsch erfüllte sich nie. Einmal sass die Königin im Bade. Da blickte aus dem Wasser ein Gesicht zu ihr und sprach: »Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht wirst du eine Tochter zur Welt bringen.« Was die Stimme gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen. Es war so schön, dass der König sich riesig freute und ein grosses Fest plante.

Er lud nicht bloss seine Verwandten, Freunde und Bekannten ein, sondern auch die weisen Frauen, damit das Leben dem Kind gut gesonnen wäre. Es waren dreizehn weise Frauen. Weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben.

Das Fest wurde mit aller Pracht gefeiert. Als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was es auf der Welt zu wünschen gibt. Als die elfte ihren Spruch eben getan hatte, trat plötzlich die dreizehnte ein.

Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war. Ohne jemand zu grüssen oder auch nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: »Die Königstochter soll sich an ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verliess den Saal.

Alle waren sehr erschrocken. Da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte. Sie konnte den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur mildern. Sie sagte: »Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.«

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück bewahren wollte, liess den Befehl ergehen, dass alle Spindeln im ganzen Königreiche verbrannt werden sollten. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen alle erfüllt. Es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, der es ansah, liebhaben musste.

An ihrem 15. Geburtstag waren der König und die Königin auf einer Reise. Das Mädchen blieb allein im Schloss zurück. Da ging es allerorten herum. Es besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte und kam endlich auch zu einem alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf. Da sass in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.

»Guten Tag Mütterchen«, sprach die Königstochter, »was machst du da?« »Ich spinne«, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. »Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?« fragte das Mädchen. Es nahm die Spindel in die Hand und wollte auch spinnen. Kaum aber hatte sie die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder und fiel in einen tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich im ganzen Schloss.

Der König und die Königin, die eben heimgekommen waren, schliefen ein, und der gesamte Hofstaat mit ihnen. Es schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache. Ja, selbst das Feuer im Herd ging aus, und der Braten hörte auf zu brutzeln. Der Koch, der den Küchenjungen an den Ohren ziehen wollte, liess diesen los und schlief ein.

Und der Wind legte sich. Auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher wurde und endlich das ganze Schloss umringte und darüber hinaus wuchs, so dass nichts mehr davon zu sehen war. Alles wurde überwuchert und unter dornigen Hecken begraben.

Es ging die Sage um im Land von dem schönen, schlafenden Dornröschen, denn so wurde die Königstochter genannt. Von Zeit zu Zeit kamen Königssöhne, die durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich. Denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen und konnten sich nicht wieder losmachen. Sie starben eines jämmerlichen Todes.

Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte. Es sollte ein Schloss dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe. Und mit ihr schliefen der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wusste auch von seinem Grossvater, dass schon viele Königssöhne gekommen waren und versucht hatten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie waren alle dabei gestorben.

Da meinte der Prinz, er könne nicht anders und müsse Dornröschen befreien. Er schlug die Warnungen der Menschen in den Wind und begab sich mit seinem Schwert auf zu der Dornenhecke.

Nun waren auch gerade die hundert Jahre Schlaf verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Prinz mit dem Schwert auf die Dornen einschlagen wollte, kamen lauter grosse schöne Blumen zum Vorschein, da wo einst tödliche Dornen waren. Der Prinz ging durch sie ganz leicht hindurch. Noch immer schlief alles im Schloss.

Im Schlosshof sah er die Pferde und Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache sassen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schlief der Koch in der Küche, hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken. Die Magd sass vor dem schwarzen Huhn, das gerupft werden sollte. Da ging er weiter und sah im Saale den gesamten Hofstaat liegen und schlafen, und oben beim Throne lagen der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war still. Endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.

Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss.

Da schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn freundlich an. Er nahm seine Hand und half ihm aufstehen. Dann gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit grossen Augen an.

Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich. Die Jagdhunde sprangen und wedelten. Die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld. Das Feuer in der Küche entzündete sich, flackerte, und man kochte das Essen. Der Braten fing wieder an zu brutzeln. Und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige. Die Magd rupfte das Huhn fertig.

Es währte nicht lange, da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.



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