Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

...zurück zur Übersicht

Text-Erklärungen sind anaus
alle Erklärungen anzeigenFragen zur Geschichte beantwortenGeschichte hören und mitlesenGeschichte und Fragen als PDF downloaden

Der Wolf und der Fuchs (2)

Art: Fabel
AutorIn: unbekannt
Land: Frankreich
Sprecher: Tom Keymer

(ähnlich wie das Grimm-Märchen: Katze und Maus in Gesellschaft)

Ein Wolf und ein Fuchs waren eng befreundet. Sie fürchteten, während der Ernte ihren Unterhalt nicht bestreiten zu können. So kamen sie auf den Gedanken, sich als Arbeiter bei einem Bauern ihres Heimatdorfes zu verdingen. Da man sie als recht gute Arbeiter kannte, wurden sie auch sofort eingestellt, denn um diese Jahreszeit ist es schwer, Arbeiter zu finden.

Bevor sie sich an die Arbeit machten, kauften die beiden von ihren Ersparnissen einen Topf geschmolzene Butter, die ihnen als Nahrung dienen sollte. Aber da sie nicht reich waren, beschlossen sie, nur abends, nach der Arbeit, davon zu essen, damit der Vorrat möglichst lange reiche.

Am ersten Erntetag machten sie sich entschlossen ans Werk. Sie arbeiteten von Anfang an so fleissig, dass die Bauern nur staunten. Im Laufe des Vormittags hob der Fuchs plötzlich den Kopf und rief sehr laut: »Wie bitte?« »Was ist los?« fragte ihn der Wolf. »Hast du nicht gehört?« gab der Fuchs zurück. »Die Leute dort auf dem Weg bitten mich, Pate zu sein.«

»Nein! Aber geh nur hin, denn man darf nicht ungefällig sein, wenn man um einen Dienst gebeten wird.« Der Fuchs ging also hin, kam aber kurz darauf schon wieder zurück und sagte, er habe sein Patenkind Angebrochen genannt.

Die beiden machten sich wieder an die Arbeit. Einige Stunden später rief der Fuchs von neuem »Wie bitte?« »Was ist los?« fragte ihn der Wolf. »Die Leute dort drüben bitten mich, bei ihrem Kind Pate zu sein.«

»Da musst du ihre Einladung schon annehmen«, sagte der Wolf. Der Fuchs liess sich nicht zweimal bitten und ging zur Taufe seines neuen Patenkindes, das er Halbaus nannte.

Gegen Abend hob der Fuchs plötzlich schnell den Kopf und rief: »Wie bitte?« und so laut, dass der Wolf seine Sichel fallen liess. »Da werde ich schon wieder gebeten, Pate zu sein«, sagte er, »aber ich gehe nicht hin.« Und er tat, als wolle er weiterarbeiten.

»Tue, was diese Leute wünschen, da sie dich darum bitten«, sagte der Wolf. Es kam ihm jedoch merkwürdig vor, dass die Einladungen immer an den Fuchs gerichtet wurden und nicht an ihn. »Man muss seinem Nächsten immer gefällig sein.«

Der Fuchs ging fluchend fort. Als er zurückkehrte, schwor er, sich jetzt nicht mehr stören zu lassen, und sein Patenkind heisse Ganzleer.

Sie arbeiteten, solange es Tag war. Dann gingen sie, müde zum Umfallen, nach Hause. Wie gross aber war ihre Überraschung, als sie, nachdem sie die Lampe angezündet hatten, bemerkten, dass ihr Buttertopf leer war. Sie beschuldigten sich gegenseitig, den Inhalt gefressen zu haben.

Der Wolf behauptete, dass der Fuchs, anstatt Pate zu stehen, hierhergekommen sei, um die Butter zu fressen, und dass die drei Taufnamen der Kinder darauf hinwiesen, dass er die Butter in drei Etappen gefressen habe. Der Fuchs wies diese Beschuldigungen energisch zurück und sagte zum Wolf, er habe im Gegenteil seine Abwesenheit benutzt, um die Butter zu fressen.

Da der Streit sich in die Länge zu ziehen drohte, schlug der Fuchs folgenden Vergleich vor, der seines Erachtens den Schuldigen entlarven müsse: Da geschmolzene Butter eine ausgesprochen harntreibende Wirkung habe, so müsse der Butterschlecker am folgenden Morgen nasse Schenkel haben. Zur Strafe würde ihm dann der Topf auf dem Rücken zerschlagen! Dieser Vorschlag wurde angenommen, und unsere beiden Freunde legten sich schlafen.

Der Wolf, der den ganzen Tag über hart gearbeitet hatte, schlief sofort fest ein. Aber der Fuchs, der schlauer war, schlief nur mit einem Auge. Als er mitten in der Nacht ein gewisses Drängen verspürte, zögerte er nicht, die Beine des Wolfes zu überschwemmen. Dann schlief er wieder ein.

Am Morgen, als sie erwachten, musterten die Freunde einander. Es wurde festgestellt, dass der Wolf nasse Schenkel habe. Der arme Teufel schnitt ein Gesicht, aber die Tatsachen zwangen ihn, anzuerkennen, dass nur er die Butter gefressen haben konnte.

Zur Strafe für seine Naschhaftigkeit schlug ihm der Fuchs den Topf auf dem Rücken entzwei.



...nach oben