Rumpelstilzli.li - E-Learning für die ersten 3 Schuljahre

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Aschenputtel

Art: Märchen
AutorIn: Brüder Grimm
Land: Deutschland
Sprecher: Tom Keymer

Die Frau eines reichen Mannes wurde krank. Sie fühlte, dass ihr Ende herankam. Da rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: »Liebes Kind, bleibe fromm und gut. Ich will vom Himmel auf dich herabblicken und bei dir sein.« Darauf schloss sie die Augen und starb. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zum Grab der Mutter und weinte. Im nächsten Frühling nahm sich der Mann eine andere Frau.

Diese Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht. Die waren schön — aber böse. Da fing eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. »Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen?« sprachen sie, »wer Brot essen will, muss verdienen! Hinaus mit der Küchenmagd!«

Sie nahmen der Stiefschwester ihre schönen Kleider weg. Dann zogen sie ihr ein graues, altes Kleid an und gaben ihr hölzerne Schuhe. »Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!« riefen sie, lachten und führten sie in die Küche. Da musste sie von morgens bis abends schwer arbeiten: früh morgens aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen.

Zudem taten ihr die Schwestern alles ersinnliche Leid an. Sie verspotteten sie und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche, so dass sie sie wieder herauslesen musste. Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, musste sie sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil sie darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie sie Aschenputtel.

Einmal ging der Vater zum Markt. Er fragte die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. »Schöne Kleider,« sagte die eine, »Perlen und Edelsteine,« die zweite. »Aber du, Aschenputtel,« fragte er, »was willst du haben?« — »Vater, ich möchte den ersten Zweig haben, der auf deinem Heimweg deinen Hut berührt!«

Er kaufte nun für seine Stieftöchter schöne Kleider, Perlen und Edelsteine. Auf dem Rückweg streifte ihn ein Haselzweig und stiess ihm den Hut ab. Da brach er den Zweig ab und nahm ihn mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten. Aschenputtel gab er den Zweig vom Haselbusch.

Aschenputtel dankte ihm und ging zum Grab ihrer Mutter und pflanzte den Zweig darauf. Dabei weinte sie so sehr, dass die Tränen auf den Zweig fielen und ihn begossen. Er wuchs, und es wurde ein schöner Baum. Aschenputtel ging jeden Tag dreimal dahin und weinte. Jedes Mal flog ein kleiner, weisser Vogel auf den Baum. Wenn Aschenputtel einen Wunsch aussprach, so warf ihm der Vogel herab, was sie sich gewünscht hatte.

Einmal machte der König auf dem Schloss ein Fest, das drei Tage dauern sollte. Alle schönen, jungen Frauen wurden eingeladen.  Der Königssohn sollte sich unter ihnen seine Braut aussuchen. Die zwei Stiefschwestern freuten sich, dass auch sie eingeladen wurden. Sie riefen Aschenputtel und sprachen: »Kämme uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloss.«

Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil sie auch gern zum Tanz mitgegangen wäre. Sie bat die Stiefmutter um Erlaubnis. »Aschenputtel,« sagte sie, »du bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? Du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen?« Als Aschenputtel aber keine Ruhe gab, sagte sie endlich: »Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder herausgelesen hast, so darfst du mitgehen.«

Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten und rief: »Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.«

Da kamen zum Küchenfenster zwei weisse Täubchen herein. Danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und liessen sich auf der Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körnchen in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter. Sie freute sich und glaubte, sie dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sagte: »Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen, du wirst nur ausgelacht.« Als sie nun weinte, sprach sie: »Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche herauslesen kannst, so sollst du mitgehen!« Sie dachte: »Das kann sie ja sowieso nicht.«

Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten und rief: »Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.«

Da kamen zum Küchenfenster zwei weisse Täubchen herein. Danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und liessen sich auf der Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick. Und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und bevor eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zur Stiefmutter. Es freute sich und glaubte, es dürfe jetzt mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sagte: »Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen — wir müssten uns wegen dir schämen.« Darauf kehrte sie ihr den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.
Aschenputtel ging zum Grab ihrer Mutter unter den Haselbaum und rief: »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.«

Da warf ihr der Vogel ein goldenes Kleid herunter und mit Seide und Silber bestickte Schuhe. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zur Hochzeit. Ihre Schwestern aber und die Stiefmutter kannten sie nicht und meinten, es müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah sie in dem goldenen Kleid aus.

Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte mit niemand sonst tanzen. Wenn ein anderer kam, um Aschenputtel zum Tanz aufzufordern, sagte er: »Das ist meine Tänzerin.« Aschenputtel tanzte bis es Abend war. Jetzt wollte sie nach Hause gehen. Der Königssohn aber sprach: »Ich gehe mit und begleite dich!« Denn er wollte sehen, woher das schöne Mädchen gekommen war. Sie entwischte ihm aber und sprang zu Hause in das Taubenhaus.

Nun wartete der Königssohn, bis der Vater von Aschenputtel kam. Er sagte zu ihm, das fremde Mädchen sei im Taubenhaus. Als sie nachschauten, war aber niemand darin. Als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche, denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen. Dann war sie zum Haselbaum gelaufen und zog die schönen Kleider aus und legte sie aufs Grab. Der Vogel hatte sie wieder weggenommen. Dann setzte sie sich in ihrem grauen Kleid in der Küche in die Asche.

Am andern Tag, als das Fest von neuem anfing, ging Aschenputtel zum Haselbaum und sprach: »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich!«

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab als am vorherigen Tag. Als sie mit diesem Kleid auf der Hochzeit erschien, staunte jedermann über ihre Schönheit. Der Königssohn aber hatte auf sie gewartet. Dann nahm er sie gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihr. Wenn die andern kamen und mit ihr tanzen wollten, sprach er: »Das ist meine Tänzerin.«

Als es nun Abend war, wollte sie fort. Der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie sprang fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner grosser Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen. Sie kletterte so schnell wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste.

Der Königssohn wartete aber, bis der Vater kam. Er sprach zu ihm: »Das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, es ist auf den Birnbaum gesprungen.« Der Vater dachte: »Sollte es Aschenputtel sein?« Dann liess er sich die Axt bringen und hieb den Baum um — aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch.

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zum Haselbaum und rief: »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich!«

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend. Die Schuhe waren ganz golden. Als sie in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte nur mit ihr.

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte sie begleiten. Aber sie entsprang ihm so geschwind, dass er nicht folgen konnte. Auf der Treppe verlor sie einen Schuh. Der Königssohn hob ihn auf. Er war klein und zierlich und ganz golden. Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann und sagte zu ihm: »Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuss dieser goldene Schuh passt.«

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füsse. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, während die Mutter dabeistand. Aber sie konnte mit der grossen Zehe nicht hineinkommen. Der Schuh war ihr zu klein. Da gab ihr die Mutter ein Messer und sagte: »Hau die Zehe ab: wenn du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuss zu gehen.«

Das Mädchen schnitt die Zehe ab und zwängte den Fuss in den Schuh. Sie verbiss den Schmerz und ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber am Grabe von Aschenputtels Mutter vorbei. Da sassen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:
»Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuh. Der Schuh ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.«

Da blickte er auf ihren Fuss und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. Dann sagte er, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu gross. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: »Hau ein Stück von der Ferse ab: wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuss gehen.« Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuss in den Schuh. Sie verbiss den Schmerz und ging hinaus zum Königssohn.

Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie beim Haselbaum vorbeikamen, sassen die zwei Täubchen darauf und riefen:
»Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuh. Der Schuh ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.«

Er blickte nieder auf ihren Fuss und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. »Das ist auch nicht die rechte,« sprach er, »habt ihr keine andere Tochter?« — »Nein,« sagte der Mann, »nur von meiner verstorbenen Frau ist noch das Aschenputtel da, das kann unmöglich die Braut sein.« Der Königssohn sprach, er solle sie rufen. Die  Stiefmutter aber antwortete: »Ach nein, sie ist viel zu schmutzig und darf sich nicht sehen lassen.« Der Königssohn wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel musste gerufen werden.

Da wusch sie sich erst Hände und Gesicht und ging dann hin zum Königssohn, der ihr den goldenen Schuh reichte. Dann steckte sie ihren Fuss in den Pantoffel — der sass wie angegossen. Und als sie aufstand und der König ihr ins Gesicht sah, erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: »Das ist die rechte Braut.« Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Der Königssohn aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weissen Täubchen:
»Rucke die guck, rucke di guck,
kein Blut im Schuh. Der Schuh ist nicht zu klein,
die rechte Braut, die führt er heim.«

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.

Nun wurde die Hochzeit mit dem Königssohn in aller Pracht gefeiert, und alle freuten sich.

Nur — die böse Stiefmutter und die bösen Stief-schwestern hatten es nicht so lustig. Jeden Tag kamen die Vögel und pickten sie am Kopf.  Und das tat weh!

Auch der Vater wurde nicht verschont. Auch ihn pickten die Vögel am Kopf. Er hatte ja schliesslich einfach zugeschaut, wie seine Tochter von den andern geplagt wurde.



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